Beobachtungen eines Studenten

Obwohl ich mich vor längerem einmal gegen den Masterstudiengang Soziale Arbeit an der HTWK Leipzig entschied – nachdem sowohl Studentinnen als auch Professoren signalisierten, mit den Lernbedingungen unzufrieden zu sein und zeitgemäße Grundlagen wie studentische Partizipation bspw. in interdisziplinären, wählbaren Projekten fehlen – habe ich mich zu diesem Wintersemester 2016/17 mal eingeschrieben um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Was mir nach den ersten 2 Wochen in der Fakultät auffällt:

Vieles könnte besser sein

Und höchstwahrscheinlich wäre sogar vieles besser, würden die, die es bemängeln und besser zu wissen glauben oder zumindest gerne anders hätten, sich eigenständig um die Veränderung kümmern.

Doch stattdessen wird gemeckert.

Von den 5 ProfessorInnen die ich kennenlernen durfte beschwerten sich 4 über die formalen Bedingungen ihrer Arbeit:

»Ich würde ja gerne unterschiedliche Formen für Prüfungsleistungen anbieten, aber in der Prüfungsordnung ist das nunmal festgeschrieben.«

»Ein vierstündiges Rechtseminar scheint mir nicht sinnvoll. In einmal vier Stunden lernt und schafft man einfach nicht so viel wie in 2x2h. Ich habe mich darum bemüht, aber scheinbar ging es nicht anders.«

»Ich bin neu hier und habe eigentlich einen anderen Schwerpunkt. Dieses Modul hier hat sich im letzten Jahr ein Kollege ausgedacht, der jetzt im Ruhestand ist. Ich kann mit diesem Seminartitel auch nicht viel Anfangen, aber werde versuchen, das beste für uns daraus zu machen.«

»Wenn es nach mir ginge, würde das Modul hier ganz anders heißen. Dann wären das nicht irgendwelche verwaschenen Überbegriffe, sondern ganz klare Worte, angelehnt an den internationalen Professionsdiskurs, wie z.B. vom IFSW. «

»Als Prüfungsleistung steht hier leider eine Hausarbeit.«

Wenn selbst die ProfessorInnen einer Hochschule, meines Wissens die privilegiertesten und bestbezahlten Ämter, die es als Wissenschaffende und Lehrende zu bekleiden gibt, in der ersten Stunde gegenüber ihren neuen Studenten meckern und über ihre Arbeitsbedingungen klagen, entmutigt mich das etwas.

Ja es bestürzt mich sogar ein Stück weit, dass selbst eine berufserfahrene Organisationsberaterin, die in einem verantwortlichen Hochschulgremium (der Studienkommission) sitzt, in einer Lerneinheit, die sich um achtsame und Lernende Organisationen dreht, darüber echauffiert, wie weit entfernt von den eben vorgestellten Idealen die eigene Organisation ist. Meine Nachfrage nach den Ursachen und Gründen, die sie dafür sieht, erwidert sie patzig; ich sei doch naiv, das könne ich mir wohl selber denken, es seien ökonomische Zwänge.

Die Fakultät kämpfe um ihr bestehen, sie hätten ja grade mit Mühe und Not die 12 Professuren aufrecht erhalten können, was das absolute Minimum sei…

So steht es also 2016 um die Hochschulbildung in Sachen. 4 von 5 sicher nicht prekär beschäftigten Lehrenden erzählen den SozialarbeiterInnen von morgen, dass selbst ihre Arbeitsumstände leider unzureichend seien und dass sie das zu hinnehmen müssten.

Und ich dachte wenn es in einer Profession Streben nach Idealen, quasi Weltverbesserungsversuche gäbe, dann wäre das in der Sozialen Arbeit.

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